„Ich habe 104.000 Euro bei Juicy Fields verloren“ – Anleger erheben schwere Vorwürfe gegen Cannabis-Plattform

„Ich habe 104.000 Euro bei Juicy Fields verloren“ – Anleger erheben schwere Vorwürfe gegen Cannabis-Plattform

 Die meisten User glauben mittlerweile nicht mehr, ihr Investment wieder zu bekommen.

Die meisten User glauben mittlerweile nicht mehr, ihr Investment wieder zu bekommen.

Getty Images/ Fiordaliso

Die Bafin hat das Geschäft der Cannabis-Crowdinvesting-Plattform Juicy Fields verboten, viele Anleger fürchten um ihr Geld.

Business Insider hat mit einigen von ihnen gesprochen. Viele von ihnen starteten zunächst mit einem kleinen Investment, nach erfolgreicher Ausschüttung erhöhten sie den Betrag.

Ein Betroffener hat sogar mehr als hunderttausend Euro in die Plattform gesteckt. „Gier frisst Gehirn“, sagt er jetzt.

Die Plattform Juicy Fields versprach, Kleinanleger mit Cannabisproduzenten zusammenzubringen. Angeblich, um den Anbau der Pflanzen zu finanzieren. Nach gut drei Monaten sollten die Pflanzen geerntet und verkauft werden, die Anleger sollten entsprechend an den Gewinnen beteiligt werden. Mit Renditeversprechen von bis zu 66 Prozent und aggressivem Marketing lockte die Seite zehntausende Nutzer an. Wie viele User tatsächlich betroffen sind, ist unklar. Die Betreiber selbst sprachen zuletzt von 500.000 aktiven Nutzern weltweit – mittlerweile sind Chefs von Juicy Fields nicht mehr erreichbar.

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Nachdem Business Insider am Mittwoch von den Betrugsvorwürfen berichtet hatte, meldeten sich innerhalb weniger Stunden mehr als hundert Betroffene, um ihre Geschichte zu erzählen. Mit einigen von ihnen haben wir gesprochen.

Viele berichten uns detailliert, wie viele Pflanzen sie mithilfe von Juicy Fields gezüchtet und geerntet hätten. Mittlerweile erscheint es jedoch höchst unwahrscheinlich, dass die Firma das Geld tatsächlich an Plantagen weitergegeben oder selbst Pflanzensamen gekauft hat. Stattdessen scheint das Kapital dazu verwendet worden sein, um anderen Nutzern ihre Investments zurückzuzahlen und somit das Vertrauen in das Unternehmen zu stärken.

Eine Strategie, die aufgegangen zu sein scheint: Viele Betroffene sagen uns, dass sie anfangs skeptisch gewesen seien und zunächst nur einen kleinen Betrag investierten. Als die Rückzahlung fristgerecht erfolgte – inklusive hoher Dividende – nahmen sie deutlich höhere Summen in die Hand. Häufig motivierten sie auch Freunde und Familie, selbst zu investieren. So wie diese Geschädigte:

Charlena Misino, 32 Jahre:

Vor 1,5 Jahren wurde mir Juicy Fields von einem guten Freund empfohlen, der sich viel mit Investments, auch in Krypto, beschäftigt. Er hat dafür aber keine Provision oder so bekommen, wusste aber, dass wir für unsere Hochzeit sparen. Ich selbst hatte bis dahin nie irgendwo investiert.

Ich habe zunächst eine Pflanze gekauft und als mir eine erste Rendite ausgezahlt wurde, habe ich Geld nachgeschossen und ab dann alle Gewinne reinvestiert. Weil das so super funktioniert hat, habe ich auch meiner Mutter und anderen Freunden Bescheid gesagt, so etwas sagt man natürlich seinen Lieben weiter.

Mitte Juni dieses Jahres haben wir geheiratet, für die Feier habe ich das gesamte Geld von der Plattform genommen. 2700 Euro waren es das, mit einer Rendite von 1400 Euro zum damaligen Zeitpunkt. Kurz danach haben wir alle Geldgeschenke, die wir zur Hochzeit geschenkt bekommen haben, wieder in Juicy Fields gesteckt. 2500 Euro, das sollte ein langfristiges Investment für unsere Zukunft sein.

Nur eine Stunde, nachdem ich das Geld überwiesen hatte, meldete sich mein Bekannter, der mich ursprünglich auf die Plattform aufmerksam gemacht hatte: Ob wir noch Geld bei Juicy Fields hätten? Da stimme was nicht, die Bafin hatte der Firma gerade das Geschäft verboten. Ich habe natürlich sofort meiner Mutter Bescheid gesagt, aber da war es schon zu spät.

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Florian Lehr*, 33 Jahre:

Wo genau ich auf Juicy Fields gestoßen bin, weiß ich nicht mehr. Ich hatte damals eine kurze Recherche gemacht, welche Cannabis-Aktien es am Markt gibt. Die Rendite bei Juicy Fields war unschlagbar. Natürlich kenne ich die Weisheiten à la „Je höher die Rendite, desto höher das Risiko“. Auch mein rationaler Menschenverstand hat gesagt: „Das ist komisch, das kann nicht sein.“ Ich hab mir aber gesagt, Cannabis ist ja kein konventioneller, altbackener Markt, und wollte es einfach mal ausprobieren.

Als Testlauf habe ich zunächst zwei Pflanzen für je 50 Euro gekauft. Der Juicy-Fields-Telegram-Kanal wurde mein Dreh- und Angelpunkt. Hier konnte ich sehen, dass schon viele Nutzer erfolgreich ihre Rendite bekommen hatten. Ohne die drei Monate Wartezeit abzuwarten, habe ich mir direkt eine weitere Pflanze gekauft und dann noch ein paar und kurze Zeit später hatte meine 1000 Pflanzen und 54.000 Euro Investment voll, die Maximalgrenze damals.

Im Telegram-Kanal haben tatsächlich einzelne User regelmäßig Kritik am Geschäftsmodell geäußert, das wurde aber von den Moderatoren auf charmante Art und Weise mit Gegenargumenten gekontert. Hinsichtlich der Bafin haben die übrigens penibel darauf geachtet, dass die User nicht die Wörter „Invest“, „investieren“ und „Rendite“ benutzen, um nicht die Finanzaufsicht auf den Plan zu rufen. Wir bezögen alle lediglich eine Dienstleistung, hieß es.

Keiner der mahnenden Nutzer konnte handfeste Beweise liefern, dass etwas faul sei. Im Gegenteil: Juicy Fields war offizieller Sponsor von Messen, man konnte die Geschäftsstellen in Berlin und Amsterdam besuchen, einige User haben sogar Fotos von den Plantagen gezeigt, es gab einen Onlineshop für Merch wie Jutebeutel, Feuerzeuge oder Cannabis-Kochbücher.

Drei Monate nach meinem ersten Investment bekam ich die gesamte Summe plus Rendite ausgezahlt. Frei dem Motto „Gier frisst Hirn“ habe ich auch im Namen meiner Freundin einen Account erstellt, um nochmal doppelt so viele Pflanzen kaufen zu können. Insgesamt habe ich so 104.000 Euro investiert, die nun futsch sind. Das ist mir mittlerweile peinlich. Ich denke, wenn man selbst investiert hat, ist es irgendwie menschlich, die „Red Flags“ ignorieren und nur das Gute am Projekt sehen zu wollen.

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Mira Bruno*, 55 Jahre:

Eine Freundin hat mit ihrer Familie insgesamt 150.000 Euro in Juicy Fields gesteckt und mir davon berichtet. Ich habe letztes Jahr eine große Steuerrückzahlung bekommen, deshalb hatte ich etwas Geld auf der hohen Kante und habe 15.000 investiert.

Das war das erste Mal, das ich beim E-Growing mitgemacht habe. Sonst investiere ich eigentlich gar nicht. Ich habe mich vor einigen Monaten scheiden lassen, das war teuer genug. Außerdem habe ich zwei erwachsene Kinder, die ich manchmal mit Geld unterstütze.

Doch es schien alles legitim. Auf der Seite konnte man den Status der Pflanzen nachgucken, sich Pdfs von den Bestellungen und Rechnungen ziehen und sogar eine Gewinnbilanz für das Finanzamt ausstellen lassen.

Anzeige erstattet habe ich bisher nicht. Gegen wen oder was denn? Ich will wissen, wer eigentlich hinter den Firmenstrukturen steckt, wer sind die Drahtzieher? Aber da sind mir als Privatperson die Hände gebunden. Ich habe auf eigene Faust begonnen zu recherchieren. Einmal hatte ich sogar kurz diesen Alan Glanse am Telefon, den ehemaligen CEO von Juicy Fields. Der sagte mir aber, er sei selbst betroffen und wisse von nichts.

Wisst ihr mehr über die Betrugsvorwürfe bei Juicy Fields? Habt ihr selbst dort gearbeitet? Dann meldet euch bei uns unter sarah.heuberger@businessinsider.de und leo.ginsburg@businessinsider.de.

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