Sie ging nach Hollywood, wurde enttäuscht – und gründete dann ein Cannabis-Startup

Sie ging nach Hollywood, wurde enttäuscht – und gründete dann ein Cannabis-Startup

Der Konsum von Cannabis könnte bald legal sein. Bisher verschreiben nur Ärzte das Produkt. Die Gründerin von Ilios Santé will in beiden Welten mitspielen.

Anna Kouparanis baut schon jetzt Unternehmen, die davon profitieren, wenn Cannabis legalisiert wird.

Anna Kouparanis baut schon jetzt Unternehmen, die davon profitieren, wenn Cannabis legalisiert wird.

Bloomwell Group

Anna Kouparanis stand einige Zeit im Schatten ihres großen Bruders. In den Medien wurde sie als „die Schwester des Farmako-Gründers“ Niklas Kouparanis betitelt. Der hatte gemeinsam mit Szenepromi Sebastian Diemer das Cannabis-Startup aufgebaut und schied zwischenzeitlich unfreiwillig aus. Kouparanis Schwester Anna war die erste Mitarbeiterin des Unternehmens. Ein Jahr nach Farmako gründete sie selbst. Forbes zeichnete die 28-Jährige gerade als eine der 30 wichtigsten Personen unter 30 aus. Sie ist also mehr als nur „die Schwester von“.

Anna Kouparanis ist Unternehmerin und startete den Großhandel Ilios Santé für medizinisches Cannabis, die Telemedizin-Plattform Algea Care für Cannabis-Verschreibung und die dazugehörige Dachfirma Bloomwell Group. Das langfristige Ziel des Firmenkonstrukts ist es, ein großer Spieler im Markt zu sein, wenn Cannabis in Deutschland für alle legalisiert wird, wie es die Ampel-Regierung im Koalitionsvertrag vorsieht. Für 2025 prognostizieren Experten den europäischen Markt für medizinisches Cannabis auf 3,2 Milliarden Euro. Im vergangenen Jahr waren es noch rund 400 Millionen Euro.

Anna Kouparanis wollte Schauspielerin in Hollywood werden

Dabei wollte Kouparanis ursprünglich eine andere Karriere einschlagen. „Mein Lebenstraum war es, Schauspielerin zu werden“, sagt die Unternehmerin im Gespräch mit Gründerszene. „Also bin ich nach Hollywood gegangen.“ Das war 2012, direkt nach ihrem Abitur. Doch nach einem Jahr habe sie gemerkt, dass der Erfolg als Schauspielerin zu oft von subjektiven Meinungen abhänge. „Man ist sehr auf andere Personen angewiesen. Es ist viel Vetternwirtschaft. Und die Art, wie man mit jungen Frauen umgeht, mochte ich nicht“, so Kouparanis.

Also kehrt sie zurück nach Deutschland. Sie war damals 19 Jahre alt. Was jetzt? An ein Studium habe sie nie gedacht und das Abitur nur für ihre Eltern gemacht. „Ich war kein Überflieger, hatte mittelmäßige Noten. Mich hat die Schule oft gelangweilt“, so die Gründerin. Das sei bei vielen Unternehmern der Fall, mit denen sie rede. „Das Schulsystem ist nicht ausgelegt auf Unternehmer, sondern auf geebnete Wege. In der Schule habe ich nie davon gehört, dass man ein Unternehmen gründen kann.“

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Sie habe sich dann ohne lange nachzudenken für ein Management-Studium entschieden und ihre Masterarbeit bei Mercedes Benz Consulting geschrieben, weil sie sich schon immer für Auto-Design und Vermarktung interessiert habe. Doch in einem Konzern wollte sie anschließend nicht arbeiten: „Die Prozesse waren mir nicht schnell genug“, so Kouparanis. Kurz darauf, im Jahr 2018, gründete ihr Bruder Farmako. „Er wollte mich als erste Mitarbeiterin, also habe ich ja gesagt.“

Ihren Einstieg in die Welt des Unternehmertums beschreibt sie als „angenehm, denn ich hatte in den ersten Wochen noch Welpenschutz und weniger Verantwortung“, so Kouparanis. „Mein Selbstbewusstsein hat sich aber schnell aufgebaut.“

„Ich hatte immer das Gefühl, dass ich es selber schaffen muss“

Zu ihrem Bruder habe sie ein besonderes Verhältnis, sie hätten schon immer alles zusammen gemacht. Das liege auch daran, dass ihre Familie in Deutschland nur aus vier Personen besteht – ihren Eltern, ihrem Bruder und ihr. Die Familie Kouparanis hat einen Migrationshintergrund. Die eine Hälfte der Verwandtschaft lebt in Griechenland, die andere in den USA. „Dadurch hatte ich schon immer das Gefühl, dass ich es selber schaffen muss, weil ich nicht das Sicherheitsnetz hatte, um mich fallen zu lassen. Es waren nur wir vier und das hat uns enorm zusammengeschweißt.“

2019 gründet sie dann selbst und meldet ihre Firma Ilios Santé an, einen Großhandel in Frankfurt am Main, mit dem sie medizinisches Cannabis an- und verkauft. Die Vision des Startups ist es, auch neue Produkte zu entwickeln. Das können Kreuzungen von verschiedenen Pflanzen sein oder neue Darreichungsformen, in Kooperation mit Apotheken.

Probleme als junge Frau in der Pharmaindustrie

Anfangs habe sie mit den Geschlechterklischees der Pharmaindustrie zu kämpfen gehabt. „Wenn man als junge Frau in einem männerdominierten Markt einen Großhandel gründet und mit den typischen Pharmaunternehmen spricht, wird man schief angeguckt“, so Anna Kouparanis. „Ich wurde gefragt, wem mein Unternehmen gehöre, nachdem ich darüber geredet habe, dass ich die Gründerin und Geschäftsführerin bin.“

Gemeinsam mit ihrem Bruder Niklas, dem Mediziner Julian Wichmann und dem Investmentbanker Samuel Menghistu startete sie anschließend Algea Care. Geleitet wird die Telemedizin-Plattform von Wichmann. Dort finden sich nach eigenen Angaben monatlich rund 7.000 Patienten, die von 80 Ärzten medizinisches Cannabis verschrieben bekommen. Der Hauptgrund für die Verabreichung sind chronische Schmerzen.

Anna Kouparanis mit ihrem Bruder Niklas (2.v.l.) und ihren Bloomwell-Mitgründern Samuel Menghistu (l.) und Julian Wichmann (2.v.r.)

Anna Kouparanis mit ihrem Bruder Niklas (2.v.l.) und ihren Bloomwell-Mitgründern Samuel Menghistu (l.) und Julian Wichmann (2.v.r.)

Bloomwell Group

Studienlage noch nicht eindeutig

Die Anzahl an Patienten und Ärzten scheint gering, jedoch darf medizinisches Cannabis erst seit 2017 verschrieben werden. Laut Kouparanis haben erst zwei Prozent aller Ärzte überhaupt Cannabis an ihre Patienten verschrieben.

Das liege auch daran, dass noch wenig Wissen in diesem Bereich vorhanden sei. Zudem zeigen nicht alle Studien eindeutige Resultate über die Wirksamkeit des Produkts bei spezifischen Indikationen. Eine Studie, die erst vor wenigen Tagen erschien, kommt sogar zu dem Ergebnis, dass bestimmte Personengruppen von medizinischem Cannabis abhängig werden könnten.

Eine eindeutigere Studienlage und gesammeltes Wissen zu sinnvollen Therapien sowie zu THC- und CBD-Dosierungen wollen Kouparanis und ihre Mitgründer nun aufbauen. „Bei medizinischem Cannabis sagen normalerweise die Patienten dem Arzt, was sie gerne hätten. Aber bei Algea Care haben die Ärzte so viele Einblicke von Patienten und Diagnosen gesammelt, dass sie empfehlen können, was für den Patienten am besten ist. Wir wollen die Cannabis-Therapie auf ein neues Qualitätslevel heben“, so Kouparanis.

Medizinisches Cannabis verkaufen und verschreiben

Sowohl Ilios Santé als auch Algea Care gehören zu der von den Kouparanis-Geschwistern und ihren beiden Mitgründern ins Leben gerufenen Holding Bloomwell. Das Firmenkonstrukt bietet Vorteile: Der Großhändler Ilios Santé ist der erste Kontakt in der Wertschöpfungskette, kauft die Produkte und will sie in Zukunft selbst herstellen. Algea Care ist der Verschreibungs-Arm.

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Die Holding hat im Oktober 2021 die Seed-Runde abgeschlossen und bekam knapp neun Millionen Euro. Das Geld stammt unter anderem vom Milliardär Boris Jordan, dem CEO des US-Vorbilds Curaleaf. Das Unternehmen startete wie Algea Care als Telemedizin-Startup für medizinisches Cannabis und fokussiert sich seit der Legalisierung in den USA auf einen breiteren Markt. Von diesen Erfahrungen wollen Kouparanis und ihr Team profitieren.

Bis Cannabis in Deutschland legalisiert wird, könnte es aber noch dauern. Das weiß auch Anna Kouparanis und sieht es gelassen. „Wir wollen einer der Big Player im legalen Markt sein.“ Ob die Legalisierung erst in zwei oder fünf Jahren durch ist, spiele keine Rolle. Das könnte bedeuten, dass genügend Kapital und Ausdauer vorhanden sind.

Cannabis-Legalisierung ist nicht alles

Jedoch: „Legalisierung alleine heißt nicht, dass wir gewonnen haben“, so Kouparanis. Es gebe viele Herausforderungen. Eine davon sei, dass Cannabis auch in Zukunft einen Pharmastandard brauche, damit die Qualität des Produkts gleich bleibe. Es könne sonst sein, dass Patienten, die auf den legalen Markt gehen, eine schlechtere Therapie bekommen, so die Gründerin. Und es hätte natürlich auch für ihr Unternehmen Vorteile, wenn es die aufgebauten Strukturen für medizinisches Cannabis ohne Umwege an mehr Kunden bringen könnte.

Eine nicht ganz ernst gemeinte Frage zum Schluss: Hat die Gründerin Cannabis selbst schon probiert? „Ich habe es einmal probiert“, so Kouparanis. „Aber für mich hatte es nie einen Sinn ergeben. Ich lache sehr viel und bin immer entspannt, egal, wie stark der Stress ist.“ Für Patienten mit chronischen Beschwerden ergebe es Sinn. Für sie selbst aber nicht.

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